Monatsarchiv: Juni 2019

Kalt erwischt

„Falls es zu einem Herzstillstand kommt, möchten Sie dann reanimiert werden?“

Sicher würde ich doch wollen, dass sie alle lebenserhaltenden Massnahmen träfen, ich in meinem jungen Alter.
Ich schaue den Assistenzarzt ungläubig an. Ich muss zugeben, die Frage hat mich geschockt.
Dabei macht er das wirklich gut. Erklärt, dass er die Frage stellen müsse, in so einer Situation. Auch wenn nicht wahrscheinlich sei, dass es dazu komme. Und ich frage mich, welche Abzweigung mein Leben genommen hat, dass ich hier in der Notaufnahme liege und gefragt werde, ob ich bei einem Herzstillstand weiterleben möchte.
Chemo-Patientin mit Fieber bedeutet also Notfall, da Infekt, stationärer Aufenthalt und Antibiotika intravenös.
Und so liege ich hier im Spitalzimmer im 3. Stock, anstatt dass ich, wie geplant, meinem Arbeitsplatz heute Freitag eine Stippvisite abstatte und meine Schüler (und Kollegen) überrasche.
Wann wird sich mein Leben wieder mal etwas mehr an meine Pläne halten?

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Hippie-Mama

Fe: Ne hat mich im Werkunterricht gefragt, ob du eine Glatze hast.
Ich: Und was hast du gesagt?
Fe: Nein. Und dann habe ich erzählt, welche fünf Frisuren du dir am Samstag geschnitten hast!
Ich: Oh! Und?
Fe: Das fanden sie sehr lustig. Ma hat auch nachgefragt.
Ich: War dir das peinlich? Du darfst schon von der Krankheit erzählen.
Fe: Nö. Und wenn sie blöde Sprüche machen, dann fühlen sie sich ja extrem schlecht, wenn ich das vom Krebs sage. Aber sie fanden es einfach nur lustig.
Ich: Ok. Und haben sie noch was gesagt?
Fe: Ne meinte: „Deine Mutter ist ein Hippie geworden!“

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Glatze ja – kurze Haare nein!

Ich: Guckt mal. Jetzt rieseln die Haare.
Fe: Oh ja. Das sind mehr als bei mir.
Ich: Ich glaub, jetzt schneid ich sie kurz.
Phi: NEEEEIIIIIIINNNNNN!
Ich: Aber Phi, sie fallen ja eh aus. Aber so lange Haare, die überall rumliegen, sind eklig.
Phi: Glatze ja – kurze Haare nein!
Ich: Abrasieren? Will ich aber noch nicht, hab ja noch viele…
Fe: Du kannst ja, falls deine Perücke schon fertig ist, die Haare kurz schneiden, wenn Phi in der Schule ist.  Und dann die Perücke aufsetzen, bevor Phi heimkommt.
Phi dreht sich zu Fe: DAS HABE ICH GEHÖRT!

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Beim Onkokomiker

Bei der Vorbesprechung zur 2. Chemo. Der Onkologe sitzt am Computer und kontrolliert meine Blutwerte.

Ich: Erhöhen Sie die Dosis? Also, gibts jedes Mal mehr?
Er dreht sich zu mir: Wir pumpen Ihnen alles rein, was wir haben!!
Ich: 🤨
Er: Nein, Entschuldigung! Mir wurde heute schon gesagt, ich solle mich mit den Sprüchen etwas zurück halten. Ich bin schon im Wochenend-Modus, wies scheint.
Ich: Nur zu. Ich halt das locker aus.
Er: Da bin ich froh. Das hab ich mir gedacht. Ich passe mich ja schon etwas den Patienten an…

Ich fahre mir durchs Haar. Sieben Haare bleiben hängen.

Ich: Entschuldigen Sie, kann ich mal zum Papierkorb? Sonst gibts ne Sauerei im Sprechzimmer.
Er: Ah, die Haare kommen jetzt.
Ich: Ja, ich so Laubbaum im Herbst. Bald haben sie mich überholt und mehr Haar als ich.
Er lacht.

Er hat ultrakurze Haare mit verlängerter Stirn und Ratsherrenecken.

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Was würdest du tun, wenn du stirbst?

Fe: Mami, du nimmst das alles so positiv.
Ich: Na ja. Nicht immer. Also nach der, als ich wusste, es stimmt was nicht, da hab ich geheult. Da hatte ich richtig, richtig Angst, dass der Krebs schon überall ist!
Fe: Ja ich hab sofort gemerkt, dass mit euch was nicht stimmt.
Ich: Und ich musste bis zum nächsten Tag und dem Gespräch im Spital warten. Gar nicht positiv. Nix. Nada. Kann man ja nicht!
Fe: Ja aber sonst. Es gibt sicher viele, die nicht so positiv sind.
Ich: Na gut, das hängt ja von vielem ab. Welche Diagnose, Umfeld. Sicher auch, ob es der erste Schicksalsschlag ist, oder man schon ein wenig Übung hat… Und ich glaube schon, dass ich prinzipiell positiv eingestellt bin. Aber eben, jetzt. Ich hoffe das bleibt so.
Fe: Das hilft sicher!
Ich: Stell dir mal vor, der Arzt sagt dir, du hast noch eine Woche zu leben. Klar, dann heulst du. Und dann?
Fe: Uiiii….
Ich: Also, das hat er mir NICHT gesagt. Aber wenn, dann würde ich sicher den ersten Tag heulen, wütend sein, mich bedauern, alles zusammen. Und dann, was würdest du die anderen Tage machen?
Fe: Das ist schwierig. Ich bin ja noch ein Kind.
Ich: Ich würde Sachen machen, die mich glücklich machen.
Phi: Reisen!
Ich: Und deine Freunde?
Phi: 3 Tage reisen und 3 Tage Partyyyyy!
Ich: Ja, eine grosse Party! Toll!
Grosser: Ja ich würde erst mein Geld verschenken oder spenden.
Phi: Ja an alle Freunde!
Ich: Wahrscheinlich ja, alles regeln. Und dann Party?
Phi: Oder TV gucken mit Lu und Li und Mo und Da. DREI TAGE LANG.
Fe: Ahhh, Phi!!!

Zwei Wochen nach diesem Gespräch hat Phi  beim Mittagessen den Faden wieder aufgenommen. Ursache war eine Frau, die ihm am Papawochenende gesagt hat, man müsse so leben, dass man glücklich sei und nicht auf andere hören.

Phi: Also Mami, wenn ich nur noch eine Woche zu leben hätte, dann…

Und er erzählte mir, was er alles machen würde. Sogar noch einmal Kanu fahren, obwohl er mit Papa mal gekentert ist. Weil, das sei ja dann die letzte Gelegenheit.

 

Solche Gespräche sind sehr seltsam. Aber darüber zu sprechen, was einem wichtig ist im Leben, wäre eigentlich fundamental wichtig. Nicht?

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Onkologie-Gespräche

Er: Wann wollen Sie mit der Chemotherapie beginnen?
Ich: Möglichst bald. Warten ist nicht meins.
Er: Moment, ich frag mal nach.
Steht auf, verlässt das Zimmer und kommt wieder zurück.
Er: Heute?
Ich: Heute? Ähhh… und der nächste Termin?
Er: Ich frag mal.
Geht und kommt wieder zurück.
Er: Nächsten Mittwochnachmittag.
Ich: Oh, fünf Tage… dann lieber heute. Heute wann?
Er: Moment.
Geht und kommt.
Er: Jetzt.
Ich: Jetzt? Ok, dann jetzt.

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Zuviel Legosteine und krankmachende Medikamente

Phi: Mami, hast du jetzt kleine Tierchen da drin?
Ich: Nein, die Krankheit heisst bloss so. Das sind keine kleinen Krebse. Das ist mehr so ein Knollen, Zellen die zu viel wachsen.
Phi: Was sind Zellen?
Ich: Das sind wie die Legosteine, aus denen dein Körper gebaut ist. Und je nach Farbe der Legosteine gibt es dann Haare oder Haut oder Zehennägel.
Und jetzt habe ich da ein paar Legosteine in falscher Farbe am falschen Ort. Und die dürfen jetzt erstmal nicht mehr weiter wachsen.
Phi überlegt, macht auf dem Sofa eine Rückwärtsrolle: Mami, darf ich ein Eis?

 

Fe: Mami, das ist komisch. Du warst fit und eigentlich gesund und jetzt mit dem Medikamenten gehts dir schlecht. Jetzt bist du krank.
Ich: Ja, normalerweise ist es umgekehrt, nicht? Ist halt eine ernste Krankheit, dar braucht es starke Medis. Hätte ich es erst gemerkt, als ich mich krank gefühlt hätte, würde es viel schwieriger gesund zu werden. Jetzt hoffen wir das Beste.
Fe: Das schaffst du!

 

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Unvermeidbare Gespräche

Phi: Wie Mami, PLAFF und die Haare sind weg?
Ich: Nein, nicht alle auf einmal. Die fallen erst einzeln aus. Aber wenn dann Büschel ausfallen, dann rasier ich sie ab. Und eben, das sind dann die Medikamente, nicht die Krankheit.
Fe: Mami, du musst jetzt viel Lachen und ja keinen Stress haben! Das weiss man, Lachen macht gesund!
Ich: Stimmt Fe, du hast ja selbst gesagt, dass ich mehr als die 15mal im Tag lache, die sonst Durchschnitt sind. Wir werden sicher weiter viel zu lachen haben!
Fe: Und Mami, du musst deine Einstellung zum Skateboarden ändern! Du darfst nicht mehr frustriert sein, nur noch mit Spass fahren.
Ich: Aye aye Sir! 👩🏻‍✈️

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